VW – Opfer seiner eigenen Fehler!

Seit dem Auffliegen der Schummel-Software vor einem halben Jahr sind bei Volkswagen zwei Sachen noch nicht klar: Wer trägt die eigentliche Verantwortung für den Abgas Skandal und welche Kosten kommen auf den Konzern zu. Klar ist nur, dass die Strategie des Managements gescheitert ist, der größte Autokonzern der Welt zu werden.

Bei den Kosten gibt es die kalkulierbaren Umrüstkosten; aber unkalkulierbar sind die Kosten der Privatklagen in den USA und in Europa. Hier zeigt sich ein typisch kapitalistischer Mechanismus: Große internationale Anwaltskonzerne besorgen sich Investoren, die hunderte von Millionen Euro oder Dollar zur Vorfinanzierung von Massenklagen bereitstellen. Haben solche Klagen Erfolg, werden die Strafzahlungen zwischen den eigentlich Betroffenen, den Kanzleien und den Investoren geteilt. So wird das Recht wie jedes andere Gut in der kapitalistischen Marktwirtschaft zur handelbaren Ware. Das Recht wird käuflich und verkäuflich; Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit sind Mittel zum Zweck geworden, und der Zweck heißt Gewinnerzielung.
Bei der Verantwortung für die technischen Manipulationen sieht es etwas anders aus. Die verantwortlichen Ingenieure hatten den Auftrag, zwei gegensätzliche Ziele zu vereinbaren: Die gesetzlich vorgegebenen Abgaswerte und den vom Management vorgegebenen Kostenrahmen und der Vertrieb hatte die Aufgabe, koste es, was es wolle, den amerikanischen Markt zu erobern. Der Kostenrahmen wiederum war direkt gekoppelt an die Gewinnziele – weniger Kosten heißt mehr Gewinn. Der Spagat zwischen Umwelt- und Gewinnzielen wurde technisch mit der Schummel-Software gelöst zu Gunsten des Gewinns und zu Lasten der Umwelt.

Damit wir wissen, worüber wir reden: Der Kostenrahmen bestimmt den Gewinn und der Gewinn bestimmt die Dividende, die an die Aktionäre ausgeschüttet wird. Das waren 2015 insgesamt 2,3 Milliarden Euro, davon 600 Millionen an die Eigentümerfamilien Piech/Porsche.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Techniker wussten, was sie taten, und dass sie es auch gegen besseres Wissen taten. Aber warum? Welche innerbetriebliche Kultur begünstigte diese Einstellung? Es war scheinbar die Kultur von Befehl und Gehorsam, die Kultur, das eigene Denken zeitweise auszuschalten und es dem obersten Management zu überlassen. Eine Kultur, bei der eigene Ideen (die es bestimmt bei erfindungsreichen Ingenieuren gegeben hat) beim übergeordneten Management nicht erwünscht waren, weil sie vielleicht nicht in den vorgegebenen Kostenrahmen passten.

Das zeigt wiederum ein typisches Merkmal kapitalistischer Unternehmen: Die Eigentümer bestimmen mit Hilfe des Managements, wo es langgeht. Bei VW sind die Mehrheitseigentümer die Familien Piech/Porsche. Ihre Interessen bestimmen in letzter Instanz die Konzernziele und die Konzernkultur. Das muss geändert werden, nur so ist ein wirklicher Kulturwandel im Unternehmen möglich. Die Eigentümer eines Unternehmens dürfen die Entscheidung über Produktionsvolumen, Investitionen, Gewinnvorgaben und Dividenden nur im Einvernehmen mit den demokratisch gewählten Vertretern der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat treffen. Und die Arbeitnehmer müssen wiederum ihre Vertreter kontrollieren. Das nennt sich Demokratie im Betrieb und ist viel mehr, als die heutige sogenannte Mitbestimmung, die eine aus dem Ruder gelaufene VW-Unkultur nicht verhindert hat.

Dann könnte auch das Leitbild von VW verändert werden. Nicht mehr der größte Autokonzern der Welt zu werden, sondern der Beste. Und das heißt gute Arbeit für die Beschäftigten, gute Produkte für die Kunden und die Umwelt und eine Orientierung am Gemeinwohl der Gesellschaft, wie es das Grundgesetz in Artikel 14 eigentlich auch vorsieht.

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